Genu Valgum

Das Genu valgum beschreibt eine Fehlstellung des Kniegelenks bzw. der Kniegelenke und ist gekennzeichnet durch eine Winkelfehlstellung der unteren Extremität(en) in der Frontalebene. Kinder im Alter von 1 bis 5 Jahren sind häufig betroffen. Viele Fälle von Genu valgum sind physiologischer Natur und korrigieren sich im Wachstumsverlauf. Es ist jedoch wichtig, zwischen physiologischen Veränderungen und pathologischen Störungen zu unterscheiden, da pathologische Fälle unkorrigiert schwerwiegende Langzeitfolgen haben können. Klinisch stellt sich eine charakteristische Krümmung der unteren Gliedmaßen nach innen mit begleitenden Gangstörungen dar. Die Diagnose erfolgt klinisch, kann jedoch eine geeignete Bildgebung erfordern. Nur in manchen Fällen ist eine chirurgische Therapie indiziert. Meistens ist eine Verlaufsbeobachtung ausreichend.

Aktualisiert: 16.02.2023

Redaktionelle Verantwortung: Stanley Oiseth, Lindsay Jones, Evelin Maza

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Überblick

Definition

  • Genu valgum beschreibt eine Achsenfehlstellung des Kniegelenks:
    • Das Knie liegt medial der Mikulicz-Linie in X- oder auch Valgusstellung
    • Fehlstellung des Unterschenkels in der Frontalebene
    • Charakteristischer kompensatorischer Zirkumduktionsgang
    • Erst erkennbar, wenn ein Kleinkind zu laufen beginnt
  • Physiologischer Prozess während des Wachstums gesunder Kinder:
    • Physiologisches Genu valgum: Kleinkinder 2–6 Jahre, anschließend Ausgradung
    • Bis zum 4. Lebensjahr Entwicklung eines X-Beins (umwegige Beinachsenentwicklung)
    • Entscheidend für die Unterscheidung zwischen physiologischem und pathologischem Genu valgum
  • Umgangssprachlich: “Knock Knees”

Klassifizierung

  • Einseitig
  • Bilateral
  • Differenzierung vom Genu varum Genu varum Genu varum anhand der Stellung zur Mikulicz-Linie:
Genu varum und valgum

Genu varum und valgum: Unterschied der Achsenfehlstellung in der Frontalebene.

Bild von Lecturio. Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Epidemiologie

  • Auftreten meist im Alter zwischen 3 und 10 Jahren
  • Bei 10 % der Schulkinder vorhanden
  • Häufiger bei Adipositas Adipositas Adipositas
  • Assoziiert mit genetischer Veranlagung, Traumata, rheumatologischen Erkrankungen oder/oder metabolischen Knochenerkrankungen

Ätiologie

Bilaterales Genu valgum:

Einseitiges Genu valgum:

  • Physische Verletzung:
    • Trauma
    • Infektion
    • Gefäßverschluss
  • Frakturfehlheilung:
    • Distale Femurfrakturen
    • Proximale metaphysäre Tibiafraktur
  • Poliomyelitis Poliomyelitis Poliovirus/Poliomyelitis
  • Benigne Tumore:
    • Fibröse Dysplasie
    • Osteochondrome
    • Ollier-Krankheit

Pathophysiologie

Klinik

Anamnese

Körperliche Untersuchung

  • Achsabweichung des Knies/der Knie in der Frontalebene
  • Veränderungen können symmetrisch oder asymmetrisch sein.
  • Physiologisches Genu valgum:
    • Seitengleiche Bandlaxität
    • Valguswinkelung ≤ 20° im Alter von 3–4 Jahren normal
    • Bis 7 Jahre Ausgradung auf ≤ 12 Grad°
  • Beurteilung des Gangbildes: Zirkumduktion typisch
  • Ausschluss einer Beinlängendifferenz
  • Untersuchung auf Symptome genetischer Syndrome
Genu valgum

Pathologisches Genu valgum:
Dieses Kind mit Rachitis hat ein Genu valgum entwickelt (hauptsächlich rechts).

Bild: „Showing genu valgum“ von Bahadure RN, Thosar N, Kriplani R, Baliga S, Fulzele P. Lizenz: CC BY 3.0

Diagnostik

Die Diagnose basiert primär auf der klinischen Untersuchung. Es ist wichtig, zwischen einem normalen physiologischen Genu valgum und einem pathologischen Krankheitsbild zu unterscheiden.

Diagnostische Herangehensweise

  • Das physiologische Genu valgum ist eine häufige Normvariante bei Kleinkindern:
    • Asymptomatisch und symmetrisch
    • Ausgradung im Alter von 6–7 Jahren auf
  • Symptomatische oder einseitige Befunde sollten an orthopädische Fachkolleg*innen überwiesen werden.
  • Laboruntersuchung zur Erkennung zugrundeliegender Stoffwechselstörungen:
    • Nierenfunktion
    • Vitamin-/Mineralstoffgehalt
  • Eine Knochendichtemessung kann indiziert sein, wenn eine Ernährungs-/Malabsorptions-/Stoffwechselstörung vorliegt.

Bildgebende Verfahren

Röntgen Röntgen Röntgen:

  • Kontraindiziert bei physiologischem Genu valgum
  • Indikationen:
    • Asymmetrisches Genu valgum
    • Exzessives Genu valgum
    • Altersgruppe unpassend für physiologisches Genu valgum
    • Patient*innen < 10. Größenperzentile ihrer Altergruppe mit Genu valgum
    • Trauma mit Kniebeteiligung in der Anamnese
    • Verdacht einer Infektion
  • Stehende anterior-posteriore (a.p.) Röntgenaufnahme der unteren Extremitäten:
    • Aufgenommen mit nach vorne gerichteten Kniescheiben
    • Ermöglicht die Darstellung von tatsächlichen und scheinbaren Gliedmaßenlängen und Fehlstellungen
  • Bestimmung der mechanischen Beinachse:
    • Linie von der Mitte des Hüftkopfes zur Mitte des Knöchels gezogen
    • Linie sollte das Knie halbieren
    • Genu valgum zeigt eine laterale Abweichung der Achse in Richtung des Gelenkrands oder darüber hinaus.
  • Fehlstellungen können femoral, tibial oder femoral und tibial sein.
  • a.p.-Röntgen des Handgelenks zur Bestimmung des Knochenalters und des verbleibenden Wachstumspotenzials
Röntgenbild eines Kindes mit Genu valgum

Röntgenbild eines Kindes mit Genu valgum

Bild: „Mutation study for a six-year-old girl with genu valgum von Kaustuv Bhattacharya, et al. Lizenz: CC BY 4.0, bearbeitet von Lecturio.

Therapie

Die Mehrzahl der Fälle von Genu valgum sind physiologisch und sollten sich von alleine verwachsen. Zumeist besteht die Therapie daher aus Abwarten und Beobachten.

Konservative Therapie

Beobachtung:

Therapie der Wahl, wenn:

  • Patient*in im Altersbereich für ein physiologisches Genu valgum liegt
  • Tibiofemoralwinkel < 15°
  • Kind < 6 Jahre alt

Medikamentöse Therapie:

Schienung:

  • Kontraindiziert bei physiologischem Genu valgum
  • Unwirksam bei pathologischem Genu valgum
Reduktion des Genu valgum

Genu valgum-Reposition:
Verbesserung einer Valgus-Deformität bei einem 9-jährigen Kind mit Rachitis bei Nachkontrolle nach 1 Jahr unter Vitamin D-Therapie.

Bild: „Reduction in the genu valgum deformity in a 9-year-old child at 1-year follow-up von Journal of Clinical Research in Pediatric Endocrinology. Lizenz: CC BY 2.5

Chirurgische Therapie

  • Indiziert bei schwerem pathologischem Genu valgum
  • Chirurgische Verfahren:
    • Unterstütztes Wachstum mittels Hemiepiphyseodese:
      • Indiziert bei > 15–20° Valgusstellung bei Kindern < 10 Jahren
      • Reversibel und minimalinvasiv
      • Extraperiostal platzierte Implantate (Platten und Schrauben)
      • Implantat erzeugt eine Spannung für schrittweise Wachstumsveränderungen
      • Engmaschige Beobachtung alle 4–6 Monate
    • Distale femorale Varusosteotomie:
      • Indiziert bei Patient*innen mit vollständiger oder annähernder Skelettreife
      • Gleichzeitige Nutzung eines Fixateur externe möglich, wenn zusätzlich ein Längenwachstum erzielt werden soll
      • Minimierung des Verletzungsrisikos des N. peroneus durch Präparation

Komplikationen

  • Bei Übersehen eines pathologischen Genu valgum:
    • Fortschreiten der nicht erkannten Erkrankung
    • Gangstörungen
    • Frühzeitige Arthritis
    • Chronischer Schmerz
  • Komplikationen bei chirurgischer Intervention:
    • Materialfehler (viel seltener bei neueren Implantaten)
    • Verletzungen durch Implantate (seltener bei Technik des unterstützten Wachstums)
    • Über- oder Unterkorrektur
    • Neurovaskuläre Verletzung (N. peroneus bei Osteotomie)
    • Infektion

Prognose

  • Die meisten Fälle von physiologischem Genu valgum heilen selbstständig aus.
  • Das Outcome von Patient*innen mit pathologischem Genu valgum, Korrektur durch unterstütztes Wachstum und engmaschiger Nachsorge fällt im Allgemeinen positiv aus.

Differenzialdiagnosen

Quellen

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  4. Kliegman, R., et al. (2020). Nelson Textbook of Pediatrics. Philadelphia: Elsevier.
  5. Zitelli, B., McIntire, S., Nowalk, A. (2018). Zitelli and Davis’ Atlas of Pediatric Physical Diagnosis. Philadelphia: Elsevier.
  6. Murthy, D., De Leucio, A. (2021). Blount disease. StatPearls. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK560923/ (Zugriff am 24.06.2021)
  7. Gortner, L., Meyer, S., Sitzmann, F. C., & Bartmann, P. (2012). Pädiatrie. 4. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. S. 679. Stuttgart:Thieme.
  8. Bald, M. (2012). Kurzlehrbuch Pädiatrie. S. 507. Stuttgart [u.a]: Thieme.
  9. Schünke, M., Schulte, E., Schumacher, U. (2018). Prometheus – LernAtlas der Anatomie. [1], Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem. 5., vollständig überarbeitete Auflage. S. 401ff. Stuttgart [u.a]: Thieme.
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