Pica

Das Pica-Syndrom ist eine Essstörung, die durch das Verlangen oder den wiederkehrenden Zwang gekennzeichnet ist, Substanzen zu essen, die keine Nahrung darstellen. Diese Zwänge und die eingenommenen Substanzen sind dem Alter oder der Kultur nicht entsprechend. Pica tritt am häufigsten in der Kindheit und während der Schwangerschaft Schwangerschaft Schwangerschaft: Diagnostik, mütterliche Physiologie und Routineversorgung auf und birgt daher ein hohes Risiko für Mangelernährung Mangelernährung Mangelernährung von Kindern in Ländern mit begrenzten Ressourcen und Anämie Anämie Anämie: Überblick und Formen. Die Betroffenen weisen in der Regel Nährstoffmängel oder Komplikationen auf, die durch die Einnahme von nicht nahrhaften Gegenständen verursacht werden. Ziel der Behandlung ist es, die Patient*innen medizinisch zu stabilisieren und dann eine geeignete Verhaltenstherapie als erste Wahl anzubieten.

Aktualisiert: 01.06.2023

Redaktionelle Verantwortung: Stanley Oiseth, Lindsay Jones, Evelin Maza

Mit Video-Repetitorien von Lecturio kommst du sicher
durch Physikum, M2 und M3.

Überblick

Definition

Pica ist eine Essstörung unklarer Ätiologie, die durch das Verlangen oder den Zwang gekennzeichnet ist, Substanzen zu essen, die keine Nahrungsmittel darstellen. Dies geschieht in einem Ausmaß, das entwicklungsmäßig, sozial oder kulturell nicht angemessen ist.

Die Substanzen, nach denen das Verlangen besteht, sind unterschiedlich:

  • Geophagie (Verzehr von Erde):
    • Häufig
    • Führt zu Verstopfung, Hypokaliämie mit Myopathie und Nährstoffmangelzuständen
    • Kann eine Ursache für Parasitosen sein
    • Eine Bleivergiftung kann eine ernste Komplikation bei dem Verzehr von Tonerde sein
  • Pagophagie (Verzehr von Eis):
  • Amylophagie (übermäßiger Verzehr von Stärke):
    • Eisenmangel
    • Hoher Blutzucker und Fettleibigkeit

Epidemiologie

Klinik und Diagnostik

Klinik

  • Die Betroffenen stellen sich selbst vor oder werden von ihren Angehörigen vorgestellt, wenn diese abnorme Essgewohnheiten bemerken.
  • Es kann auch zu Komplikationen kommen:
    • Intoxikationen (z. B. Bleivergiftung bei Verzehr von Farben oder Ton)
    • Hypokaliämie (Einnahme von Ton)
    • Obstruktionen im Magen-Darm-Trakt (Bezoarstein “Magenstein”)
    • Parasitosen (Verschlucken von Sand, Schlamm, Ton)
  • Die Betroffenen haben keine Selbstverletzungs-/Suizidabsicht; zu unterscheiden von absichtlicher Intoxikation/Überdosierung.

Diagnostik

Die Diagnostik von Pica ist klinisch und basiert auf beobachteten Verhaltensmustern:

  • Wiederkehrende Episoden des Verzehrs von Stoffen, die keine Nahrungsmittel darstellen (z. B. Kreide, Ton, Textilien, Kohle, Schmutz, Kaugummi, Haare, Metall, Farbe, Papier, Kieselsteine, Seife, Schnur oder Wolle)
  • Das Essverhalten entspricht nicht dem Entwicklungsstand des Betroffenen und ist weder kulturell noch gesellschaftlich betrachtet normal.
  • Dauer von mindestens 1 Monat.
  • Das Essverhalten führt zu einem gesundheitlichen Risiko.

Weitere Tests sollten sich nach Ätiologie, Symptomatik und eingenommenen Substanzen richten:

  • Blutbild und Eisenuntersuchungen zur Diagnostik einer möglichen Anämie Anämie Anämie: Überblick und Formen
  • Blei-Spiegelbestimmung, wenn die Betroffenen Farbe zu sich genommen haben
  • Stoffwechsel-Untersuchung zur Erkennung von Hypokaliämie bei Einnahme von Ton
  • Untersuchung auf Parasitosen, die bei der Aufnahme von Erde auftreten können
  • Röntgenaufnahmen des Abdomens zur Feststellung eines Ileus durch Bezoarsteine
Geophagie

Abdomen-Röntgenbild einer betroffenen Person mit Pica:
Patient*innen mit Pica haben den Zwang, Stoffe zu sich zu nehmen, die keinen Nahrungsmitteln entsprechen. Manche Betroffenen verzehren Erde, was zu einer Darmobstipation führen kann. Röntgenaufnahmen des Abdomens können helfen, den verschluckten Fremdkörper zu identifizieren (helles Material, das im Becken zu sehen ist).

Bild: “Silica in the soil that has been eaten by a woman” von SuSanA Secretariat. Lizenz: CC BY 2.0

Therapie

Prävention

  • Erkennen gefährdeter Personen
  • Entfernen der Betroffenen aus dem Bereich der Exposition
  • Bereitstellung von Nahrungsmitteln mit ähnlicher Konsistenz und Farbe als Ersatz für sonst aufgrund der Pica verzehrte Gegenstände

Therapie

Differentialdiagnosen

Pica wird als Essstörung eingestuft und kann gemeinsame Merkmale mit anderen Essstörungen aufweisen.

  • Anorexia nervosa Anorexia nervosa Anorexia nervosa: Essstörung, die durch starke Angst vor Gewichtszunahme, restriktive Ernährungsgewohnheiten und eine verzerrte Körperwahrnehmung gekennzeichnet ist: Patient*innen, die an Anorexia nervosa Anorexia nervosa Anorexia nervosa leiden, sind in der Regel untergewichtig und zögern, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Behandlung besteht aus KVT mit antidepressiven Medikamenten als Ergänzung. In extremen Fällen kann ein Krankenhausaufenthalt erforderlich sein.
  • Bulimia nervosa Bulimia nervosa Bulimia nervosa: Essstörung, die durch wiederkehrende Essanfälle in Verbindung mit wiederkehrenden unangemessenen kompensatorischen Verhaltensweisen (Induktion von Erbrechen Erbrechen Erbrechen im Kindesalter, Missbrauch von Abführmitteln und exzessives Sporttreiben) gekennzeichnet ist, um die Angst vor einer Gewichtszunahme zu kompensieren: Der BMI der Betroffenen mit dieser Erkrankung kann normal oder sogar erhöht sein. Betroffene mit Bulimia nervosa Bulimia nervosa Bulimia nervosa sind eher bereit, Hilfe zu suchen. Die Behandlung besteht aus einer Kombination von KVT und selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern ( SSRIs SSRIs Serotonin-Wiederaufnahmeinhibitoren (SSRI) und ähnliche Antidepressiva), wobei nur Fluoxetin eine Zulassung hat.
  • Binge-Eating-Störung Binge-Eating-Störung Binge-Eating-Störung: Essstörung, die durch wiederkehrende Episoden von Essanfällen ohne kompensatorisches Verhalten gekennzeichnet ist: Die Binge-Eating-Störung Binge-Eating-Störung Binge-Eating-Störung führt zu einem schwankenden Körpergewicht. Die Episoden treten mindestens wöchentlich über 3 Monate auf. Die Behandlung besteht aus einer Kombination von Psychotherapie Psychotherapie Psychotherapie und Pharmakotherapie.
  • Rumination: Wiederholtes Regurgitieren von Nahrung (die wiedergekäut, wiedergeschluckt oder ausgespuckt werden kann), das nicht auf eine allgemeine Erkrankung (z. B. Gastroösophageale Refluxkrankheit) zurückzuführen ist: Die Behandlung umfasst mehrere KVT-Techniken, einschließlich Biofeedback, sowie gegebenenfalls Medikamente (z. B. Protonenpumpeninhibitoren).

Quellen

  1. American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5th ed. (DSM-5). Arlington, VA: American Psychiatric Association.
  2. McNaughten B, Bourke T, Thompson A. (2017). Fifteen-minute consultation: the child with pica. Arch Dis Child Educ Pract Ed. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28487433/
  3. Call NA, Simmons CA, Mevers JE, Alvarez JP. (2015). Clinical outcomes of behavioral treatments for pica in children with developmental disabilities. J Autism Dev Disord.  https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25636679/
  4. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) – Ständige Kommission Leitlinien. (S3) Leitlinie „Diagnostik und Behandlung der Essstörungen“, AWMF-Registernummer 051/026. https://register.awmf.org/assets/guidelines/051-026l_S3_Essstoerung-Diagnostik-Therapie_2020-03.pdf (Zugriff am 06.04.2022)
  5. World Health Organisation (2022). ICD-11, 6B84 Pica. https://icd.who.int/browse11/l-m/en#/http://id.who.int/icd/entity/833390860. (Zugriff am 06.04.2022)
Details